Achtsamkeits-Ratgeber / Artikel
Wie ich meine Angst vor bürokratischen Telefonaten überwunden habe.
Du möchtest deine Telefonangst überwinden mithilfe von Achtsamkeitstechniken? Dann bietet dir meine persönliche Geschichte vielleicht eine kleine Anregung.
Wie alles begann mit meiner Telefonangst
Als Teenie hatte ich Spaß daran, gemeinsam mit meinen Freundinnen dumme Telefonstreiche zu machen. Und wenn ich einen Jungen gut fand, dann recherchierte ich akribisch seine Nummer und rief einfach an, um ihn um ein Date zu bitten. Das war damals in den 90er-Jahren. Manchmal nahm zuerst seine Mutter oder sein Vater ab – du kennst es vielleicht noch: ein Festnetzanschluss pro Haushalt… Auch heute noch plaudere ich mit Klient_innen direkt unbefangen los beim Erstgespräch am Telefon.
Nur gestern war es anders, da stand ein Behördengespräch auf meiner To-Do-Liste. Mein Herz pochte bis zum Hals und mein Puls raste, als ich die Nummer wählte. Diese Angst bei wichtigen Telefonaten hatte sich in meinen 20ern als Studentin durch ein paar Situationen ergeben und verfestigt. Die Studienabschlusszeit war für mich gespickt mit vielen nervenaufreibenden Ereignissen, darunter auch eine Trennung nach 7‑jähriger Beziehung. Ich war ein einziges Nervenbündel und so ging es damals gefühlt um Leben und Tod, wenn ich die sehr mürrische und strenge Frau im Prüfungsbüro der Uni anrufen musste. Da ich zeitlich ziemlich hinten dran war beim Schreiben meiner Abschlussarbeit, musste ich sie mehrmals innerhalb von ein paar Monaten am Telefon um Fristverlängerungen bitten, was mich riesige Überwindung kostete. Seither blieb mir die Telefonangst treu ergeben, sobald ich bei einer Behörde anrief.
Die Telefonangst überwinden durch praktische Übung
Dass ich vor dieser Angst nicht weglaufen konnte, wurde mir spätestens im Berufsleben klar. Als Marketing Managerin gehörte es zu meinen Aufgaben, Geschäftspartner_innen telefonisch zu kontaktieren und obendrein am Telefon Preise zu verhandeln. Meine Telefonangst bändigte ich damals mit präzisen Vorbereitungen: Vor mir lag jedes Mal ein Notizblock, auf dem alle Details gut lesbar aufgeschrieben waren und wo ich mir während des Telefonats weitere Anmerkungen machen konnte. Ich stellte mir so ungefähr den Ablauf des Gesprächs vor (mit positivem Ausgang), bevor ich die Nummer wählte. Glücklicherweise verliefen die meisten Gespräche freundlich und oft auch erfolgreich.
Auflösung der Angst durch Achtsamkeit
Trotz dieser jahrelangen praktischen Übung verblieb in mir immer noch ein Rest der Telefonangst. Das Leben lässt keine Gelegenheit aus: Also fiel mir gestern die Aufgabe zu, für einen Freund ein wichtiges Telefonat bei einer Berliner Behörde zu machen, da er selbst kein Deutsch spricht. Er hatte mir alles genau in einer Email geschildert, seine Papiere, um die es ging, hatte ich als PDF vor mir geöffnet – ich war entsprechend gewappnet. Trotzdem raste mein Puls nach dem Wählen der Nummer los und ich konnte fühlen, wie mein Herz pumpt. Im ersten Moment hatte ich den Impuls, mich innerlich zu beschimpfen für meine Nervosität. Doch ich ließ diese Gedanken weiterziehen und hielt stattdessen inne. Die minutenlange Warteschleife gab mir eine gute Gelegenheit dazu, die Situation achtsam zu untersuchen, um meine Telefonangst zu überwinden.
Ich legte eine Hand auf den Brustkorb, dorthin, wo ich mein rasendes Herz am besten fühlte. Nun fokussierte ich meine Wahrnehmung einzig auf die körperlichen Symptome der Angst. Ohne das Wahrgenommene zu bewerten und weiteren Gedanken nachzugehen fühlte meine Hand den schnellen Herzrhythmus und der Effekt trat unmittelbar ein: Mein Herz schlug bereits nach weniger als einer Minute viel langsamer. Die Aufregung war verflogen und es kamen auch keine negativen Gedanken mehr. Als endlich jemand am anderen Ende der Leitung die Warteschleife unterbrach, verlief das Gespräch ruhig und professionell. Da ich noch nicht den richtigen Mitarbeiter am Hörer hatte, gab es gleich noch mal eine Feuerprobe. Ein weiteres Telefonat war nötig. Diesmal gab es keine Spur mehr von der Telefonangst. Der zweite Mitarbeiter hatte fast schon einen militärisch geprägten Ton drauf, dennoch konnte ich nun ruhig und freundlich alle Angelegenheiten mit ihm besprechen und das Gespräch flapsig-scherzend beenden.
So kannst du deiner Telefonangst begegnen:
- Such dir einen ruhigen Ort, wo du ungestört telefonieren kannst.
- Sag gegebenenfalls anderen Anwesenden Bescheid, dass du gerade nicht gestört werden möchtest.
- Schreib dir alle Details auf, die du für das Gespräch benötigst musst. Dazu gehören auch Fragen, die du am Telefon stellen möchtest.
- Leg deine Notizen gut sichtbar vor dir hin.
- Tipp die Nummer schon mal in dein Telefon und beginne nun damit, achtsam deine Reaktion zu beobachten. Was passiert in dir, wenn du das Telefon in der Hand hältst? Wo in deinem Körper ist die Angst / Aufregung / Nervosität spürbar?
- Bring nun deine ganze Aufmerksamkeit genau dorthin. Wenn Gedanken kommen, nimm sie freundlich zur Kenntnis, ohne ihnen weiter nachzugehen. Leg gern deine Hand auf den Bereich deines Körpers, wo die physische Reaktion am stärksten spürbar ist.
- Wenn du merkst, dass sich deine Telefonangst legt, kannst du den nächsten Schritt gehen und den Anruf starten. Bleib dabei weiterhin achtsam und beobachte, wie dein Körper reagiert. Wenn es nötig ist, lege erneut deine Hand auf den Bereich, wo die Angst am stärksten spürbar ist.
Solltest du allein keinen Erfolg mit dieser Methode haben, kannst du gern eine Sitzung bei mir buchen. Es fällt vielen Menschen leichter, wenn sie beim ersten Mal eine persönliche Anleitung erhalten für diese Achtsamkeitstechnik. Nicht nur beim Telefonangst überwinden, sondern auch bei allen anderen Situationen, in denen unsere Gefühle beängstigend oder überwältigend auf uns wirken.