Mit Neugier Stress bewältigen? Scheint irgendwie an den Haaren herbeigezogen, wirst du vielleicht denken. Wer Erfahrung damit hat, vor Angst wie gelähmt zu sein oder vor lauter Stress völlig neben sich zu stehen, darf an dieser Stelle zu Recht skeptisch sein. Vielleicht hat der Titel aber auch gleich deine Neugier geweckt.
Tatsächlich hat selbige einen Ehrenplatz als starkes Mittel zur Selbsthilfe verdient. Daher bringe ich meinen Klient_innen beim Achtsamkeits-Coaching eine sehr simple aber effektive Methode bei, wie sie Neugier für sich nutzen können: Zum Beispiel, wenn du mit Panikattacken zu kämpfen hast. Oder wenn du häufiger von starken Gefühlen wie Angst, Wut, Frustration, Trauer und bitterer Enttäuschung überwältigt wirst. Wenn das für dich vertraut klingt, lade ich dich ein, das Thema Neugierde in diesem Artikel zu entdecken und die vorgestellte Achtsamkeits-Meditation im Anschluss selbst auszuprobieren.
Neugierig wie ein Kind
Neugierde hat einen riesigen Vorteil: Wir haben sie immer und überall dabei. Außerdem steht sie uns als Ressource bzw. als Eigenschaft schon seit unserer Geburt zur Verfügung – wir müssen sie also nicht erst erlernen. Kleine Kinder sind unendlich neugierig bei einer normalen Entwicklung, vorausgesetzt sie wachsen in einem liebevollen Umfeld auf. Die Motivation, ihre Umwelt zu erforschen, ist bei Kindern intrinsisch veranlagt, kommt also aus ihnen selbst hervor und muss nicht von außen angeregt werden.
Wann ist man neugierig?
Babys erkunden schon aufmerksam ihre Umgebung, bevor sie den ersten Schritt machen. In der oralen Phase nehmen sie alles in den Mund, was reinpasst, die eigenen Füße inbegriffen. In dieser Zeit sind Lippen und Zunge als Sinnesorgane (Tastsinn) stärker ausgeprägt als der Sehsinn. Der Forscherdrang ist schon hier im vollen Gange, wenn sich ein Säugling ein „Bild“ macht von Dingen, die er mit dem Mund erkundet.
Sobald ein Kleinkind sprechen kann, stellt es unzählige Fragen an seine Bezugspersonen. Es will und muss wissen, wie die Welt funktioniert, um sich darin zurechtzufinden. Neugierde ist also in den ersten Lebensjahren unser geistiger Lern- und Entwicklungsantrieb.
Wie die Neugierde verkümmert
Wie weit uns intrinsisch motivierte Neugier als Persönlichkeitseigenschaft erhalten bleibt, hängt von unserer Erziehung und von unserem Umfeld ab. Je nach gesellschaftlichen Normen kann ein neugieriges Kind den Eltern unangenehm sein oder sie sind mit seinen vielen Fragen überfordert und genervt. Wird das Kind fürs Fragen bestraft, dann lernt es, dass Neugierde nicht erwünscht ist und stellt sie ein – was uns als Menschen eher einen Mangel beschert, wie wir noch sehen werden.
Im Kleinkindalter weiß ein Mensch noch nicht genug von der Welt, um selbstständig sein Überleben zu sichern, sich Nahrung zu beschaffen oder sich vor Gefahren zu schützen. Daher befindet sich ein kleines Kind in absoluter Abhängigkeit von einer erwachsenen Bezugsperson, meistens ein oder beide Elternteile. Werden die Bedürfnisse des Kindes nach Zuwendung und Schutz immer wieder stark vernachlässigt durch die Eltern, macht ein Kleinkind buchstäblich Todesängste durch. Die Vernachlässigung der kindlichen Bedürfnisse haben noch größeren Einfluss auf das Verhalten eines Kindes, wenn die Eltern zusätzlich physische oder emotionale Gewalt anwenden beim Umgang mit ihm.
Neugier und Angst
Erfährt ein kleines Kind Vernachlässigung oder Gewalt, dann verfällt es zum Selbstschutz in eine Angststarre. Das Schutz-Starre-Verhalten kann sich im Laufe der Kindheit zu Kampf- oder Flucht-Verhalten wandeln, sobald das Kind seinen eignen Willen entwickelt. Wenn unser Nervensystem auf Überlebensmodus (Kampf-Flucht-Starre) umschaltet, hat die angeborene Neugierde keinen Raum mehr. Das Gehirn benötigt nun alle Ressourcen für den Überlebenskampf. Entsprechend verliert das Kind sein Interesse am Erkunden der Welt und nimmt eine angstvolle, passive oder aggressive Haltung ein.
Der Überlebensmodus wird in einem Elternhaus, in dem die Bedürfnisse des Kindes nach Schutz und Geborgenheit grob vernachlässigt werden, zu einem erlernten Verhalten. Das Verhalten tritt auch dann auf, wenn keine direkte Bedrohung für Leib und Leben besteht. Im Erwachsenenalter können dann bestimmte Auslöser, die mit dem Erleben im Kindesalter assoziiert sind, den Überlebensmodus aktivieren. Oft nehmen wir als Erwachsene nicht einmal wahr, dass wir uns ständig oder bei gewissen Auslösern im Starre-Kampf-Flucht-Modus befinden, weil diese Reaktion für uns zur Normalität geworden ist.
Die dunkle Seite der Neugier – Sensationslust
Die Neugier, die uns antreibt, Dinge zu lernen, die unserer persönlichen Entwicklung dienen, wird in der Psychologie „epistemische Neugier“ genannt. Sie steht der Sensationslust entgegen. Beide Formen der Neugierde unterscheiden sich stark voneinander durch ihre Motivation. Sensationslust wird extrinsisch (durch äußere Faktoren) motiviert. Sie treibt uns an, Dinge zu erfahren, die uns eine Belohnung einbringen, wie zum Beispiel Anerkennung, Macht oder Status. Sensationslust motiviert uns beispielsweise dazu, Informationen über die Angelegenheiten anderer Menschen zu sammeln: Wir vergleichen uns mit anderen, um uns im Idealfall überlegen zu fühlen (Belohnung fürs Ego). Klatschmagazine sind die besten Lieferanten für solche Details.
Betrachten wir uns dagegen selbst als hässlicher als die Hollywood-Schönheiten auf den Titelseiten der Boulevardmagazine, resultiert die Sensationslust in Bestrafung: Unser von außen definierter Wert als Mensch bekommt eine fette Schramme, unser Ego ist angekratzt und wir fühlen uns entsprechend mies. Die extrinsisch motivierte Neugierde kann darüber hinaus schnell zur Sucht werden. Social Media, Internet und Fernsehen gehören in diese Kategorie. Was sie mit anderen Süchten gemein hat: Sie lenkt uns hauptsächlich davon ab, wie wir uns in unserem Inneren fühlen (ungeliebt, verbittert, traurig etc.) und welchen Mangel (z.B. nach Liebe, Wertschätzung, Verständnis usw.) wir in uns spüren.
Wer neugierig bleibt
Um noch einmal zur epistemischen Neugier zurückzukommen, die sich aus Spaß an einer Sache, also aus puren Selbstzweck nährt. Bleibt sie uns erhalten, haben wir gute Chancen, in reiferen Jahren vital und geistig fit zu bleiben. Ein neugieriges Gehirn ist gut verschaltet und altert nicht so schnell. Die in jedem Lebensalter bestehende Neuroplastizität unseres Gehirns macht es möglich, dass wir uns bis zum Tod immer wieder verändern können, Neues dazulernen und uns persönlich entwickeln. Pflegen wir Hobbys und Interessen, dann erweitern wir dafür gern unseren Wissensstand und unsere Fähigkeiten. Dadurch verknüpfen sich unsere Synapsen im Gehirn immer wieder neu bzw. werden bereits bestehende Verbindungen gestärkt anstatt abzubauen.
Außerdem stellt Neugierde unsere Verbundenheit mit anderen Menschen und mit der Welt her. Wenn wir unserer Mitwelt mit offenem Interesse begegnen, lernen wir sie tiefgreifender kennen und fühlen uns damit vertrauter. Was für das nach außen gerichtete Interesse gilt, lässt sich auch auf uns selbst anwenden: Wer sich selbst mit Neugier begegnet, lernt sich besser kennen und spürt dadurch eine tiefere Verbundenheit. Gleichzeitig stärkt das unser Selbstvertrauen.
Warum ist Neugier wichtig?
Neues Wissen zu sammeln, bedeutet für einen Menschen, mehr Ordnung in die Welt zu bringen, um sich darin besser zurechtzufinden. Neugier funktioniert dabei als Motor. Wenn wir verstehen, wie die Dinge funktionieren oder wie unser Umfeld strukturiert ist, fühlen wir uns sicher. Stell dir vor, du erledigst bei der Arbeit eine Aufgabe, die du bereits mindestens 20 Mal ausgeführt hast. Bestimmt bist du dabei nicht mehr nervös und die vertrauten Abläufe gehen dir leicht von der Hand. Das vermittelt dir ein Gefühl von Sicherheit.
Der Dopamin-Kick
Wenn du echtes Interesse und Spaß an einer Tätigkeit hast, warst du wahrscheinlich am Anfang sehr neugierig darauf, wie bestimmte Abläufe funktionieren. Jeder Lernfortschritt hat sich dabei gut angefühlt für dich. Die neu gewonnenen Informationen haben etwas mehr Ordnung in deine Welt gebracht. Unser Gehirn befeuert das Streben nach Ordnung und die dadurch geschaffene Sicherheit (im Sinne einer Belohnung) durch die Ausschüttung des Nervenbotenstoffs Dopamin. Dieser motiviert uns dazu, etwas zu tun, um eine Belohnung erhalten. Sehen wir zum Beispiel einen Apfel, schüttet unser Körper Dopamin aus: So entsteht das Bedürfnis, nach dem Apfel zu greifen, um ihn essen zu können. Egal ob Apfel oder geschaffene Ordnung, der Belohnungs-Effekt tritt ein mit einem Gefühl von Zufriedenheit und Glück.
Wie bereits erwähnt, kannst du diese Form der Neugierde auch gezielt für die Erkundung deiner inneren Gefühlswelt anwenden. Auch das wird mit einer Dopamin-Ausschüttung belohnt. Wenn du im Überlebensmodus (Kampf-Starre-Flucht) bist, der nicht aus einer unmittelbaren Gefahrenquelle resultiert (ein Bär steht vor dir auf dem Waldweg), sondern aus erlerntem Verhalten, erobere dir deine Neugierde zurück!
Werde dein eigener Beobachter
Stelle mit ein paar tiefen Atemzügen zuerst ein bisschen Distanz her zu dem Drama, das sich gerade in Form von Kampf-Starre-Flucht-Verhalten in deinem sogenannten Reptiliengehirn abspielt. Indem du dich ganz bewusst auf deinen Atem konzentrierst, aktivierst den Bereich in deinem Gehirn (rechte Gehirnhälfte), der dich das ganze Geschehen aus der Beobachterperspektive anschauen lässt. So mobilisierst du Energie, die dein Gehirn für den Überlebensmodus beansprucht, die du aber zur Selbsthilfe benötigst. Bring nun die Ressource „Neugierde“ zum Einsatz: Schau dir genau an, was gerade bei dir passiert, während dein Kampf-Starre-Flucht-Programm abläuft.
Auf Seite 2 geht’s zur Meditation.